Kapitel 1

I. Teil

Eigentlich heiße ich Dieter Honka-Langstrumpf. Aber meinen Vornamen Dieter benutzten die anderen Menschen nur, um sich über den Namen und damit über mich lustig zu machen. Es fing schon in der Schule an, unter anderem mit diesen „Dieter-Witzen“ und der immer wiederkehrenden Frage: Ist der Dieter da? Gesprochen, als wenn man die Feuerwehr mit „Tatütata“ nachmachen wollte.

Ja, oft war Dieter nicht da. Ich hatte keine Lust, wollte mich nicht hänseln lassen und verweigerte mich oft mit Abwesenheit.

Und wenn es mal nicht dieser blöde Vorname war, dann waren es meine drei Anfangsbuchstaben DHL, mit denen man nach mir rief. Und Mails während des Studiums von meinen Kommilitonen mit dem Betreff „Paketzustellung“ wusste ich sofort zuzuordnen.

Als Heranwachsender saß ich mit meinem Opa Honka auf den Seeterrassen am See. Wir aßen unseren Kartoffelsalat mit Bockwurst und schauten den Schiffen zu, die an uns vorbeizogen. Wir lasen uns einander die Schiffsnamen vor, die am Bug der Segel- und Motorboote angebracht waren:

„Sprotte“, „Carpe Diem“, „Katrin“.

Alle Schiffsnamen waren skurril. Da kam das Boot „Bingo“, so ein Quatsch, oder „Fiona III“, hatte der Eigner dreimal einen Fehler gemacht?

Opa sagte, Schiffsnamen seien so doof, da kann man sich gar nicht noch Schlimmeres ausdenken. Wir fantasierten los und ich sagte:

„Krake“, „Nussschale“ oder „Egon“. Mein Opa meinte daraufhin, er würde sogar noch einen Schritt weitergehen und das Schiff „Dieter“ nennen.

Das war ein Tiefschlag, und ich schwor mir damals, diesen Namen endgültig aus meinem Leben zu tilgen. Ungefähr 10 Jahre später habe ich einen neuen Ausweis mit meinem neuen Namen vom Bürgeramt abgeholt. Ein Künstlername musste her und nun steht unter meinem Bild im Ausweis: Horst Honka-Langstrumpf.

Von Dieter zu Horst war es kein kurzer Weg. Ich hatte mir eine Liste mit über 40 Vornamen gemacht. Alle sollten besser als Dieter sein. Da waren Allerweltsnamen wie Peter, Ralf und Uwe dabei. Bei jedem habe ich kurz überlegt, durchgestrichen. Ganz unten kam Horst. Horst. Meine erste Reaktion war ein Schmunzeln. Horst? Das klang nach Kleingartenverein und Dosenbier. Aber genau das war es! Horst war ehrlich. Horst gab nicht vor, jemand zu sein, der er nicht war. Niemand würde mit einem Horst in Verbindung bringen, dass er mal Dieter hieß und ein DHL-Problem hatte. Horst war der Inbegriff des Durchschnitts, und für mich war das in diesem Moment das höchste Gut. Ein kurzer, prägnanter Name, der mich endlich unsichtbar machen würde, auf die bestmögliche Art. Ich wollte keine Komplimente für meinen Namen, ich wollte einfach nur sein.

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